Predigt zum Hochfest Mariä Empfängnis

Liebe Gläubige
Am 8. Dezember feiert die Kirche ein Fest, das Widerstand hervorruft wie kaum ein anderes Fest der katholischen Kirche. Ein Dorn im Auge ist dieses Fest bekanntlich vielen Kaufleuten in Österreich. Der Feiertag stört den Weihnachtsmarkt. Hier stoßen die Interessen derer, die den Tag als Fest des Glaubens feiern wollen mit den Interessen derer, die eine Liturgie des Marktes zelebrieren wollen, aufeinander. Da dieses Problem jedes Jahr mehr als genug beredet wird, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen. Widerstand weckt das Fest auch in manchen Kreisen nichtkatholischer christlicher Konfessionen. Die "Unbefleckte Empfängnis Mariens" ist erst 1854 als Dogma formuliert worden. Der Alleingang der katholischen Kirche hat bei manchen Mitchristen Befremden ausgelöst. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Verehrung Marias als unbefleckt Empfangene älter ist als die Reformation und die Gegenreformation. Ein gewisses Maß an Widerstand gegen dieses Fest lässt sich auch darauf zurückführen, dass es Anlass zu Missverständnissen gibt. Die zeitliche Nähe zum Weihnachtsfest lässt viele Menschen an eine unbefleckte Empfängnis Jesu denken. Um die geht es ja bekanntlich am 8. Dezember nicht. Das Marienfest wird neun Monate vor dem 8. September, dem Geburtsfest Marias gefeiert. Die liturgische Gepflogenheit, dass an diesem Tag das Evangelium von der Ankündigung der Geburt Jesu gelesen wird, trägt allerdings zur Verfestigung dieses Missverständnisses bei. Das Wort "unbefleckt" lässt manche Menschen misstrauisch werden. Sie meinen, die katholische Kirche wieder einmal dabei ertappt zu haben, dass sie alles, was mit Sexualität usw. zu tun hat, letztlich als etwas Schmutziges ansieht. Erst recht können viele mit dem Wort "Erbsünde" nichts anfangen. Ihr Empfinden wehrt sich dagegen, dass ein so unschuldiges Wesen wie ein Neugeborenes bereits mit Sünde oder gar mit Schuld behaftet sein soll. Dass das, was die Theologen unter Sünde und Erbsünde verstehen, mit dem, was Menschen landläufig unter Sünde und Erbsünde sich vorstellen, wenig zu tun hat, ist schwer verständlich zu machen.
Meines Erachtens reicht aber all das nicht aus, um den Widerstand gegen dieses Fest zu erklären. Dieser hat meiner Vermutung nach viel tiefere Wurzeln.
Die Erzählung von der Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel, die wir als Evangelium gehört haben, hat zwar nicht in direkter Weise mit der unbefleckten Empfängnis Mariens zu tun, sie trifft jedoch in indirekter Weise den Kern des Festes. Sie arbeitet in feinen Zügen die einzigartige Beziehung zwischen Gott und dem Mädchen aus Nazareth heraus.
Diese Beziehung enthält eine Reihe provokanter Züge. Obwohl zwischen dem großen und unvorstellbaren Gott und dem kleinen, unbekannten Mädchen ein unendliches Gefälle besteht und er sie nach dem Muster uralter Ansprüche einer von Männern und Mächtigen bestimmten Welt als seinen Besitz betrachten könnte, nähert er sich ihr in vornehmer und zurückhaltender Weise. Im Gegensatz etwa zu den griechischen Göttererzählungen, wo Götter sich nach Belieben Menschentöchter nehmen, sie verführen, mit ihnen rauschhafte Sexualität erleben und sie auch wieder verlassen, weil eine so ungleiche Beziehung nicht gut gehen kann, nähert sich dieser Gott als Geisthauch und erfragt durch den Engel die Zustimmung des Mädchens. Dieser Gott gebraucht das Mädchen aus Nazareth nicht einfach für seinen Plan, er geht mit ihr eine Beziehung ein. Das Fest der Aufnahme Marias in den Himmel, das Fest ihrer Krönung zeigen, dass die Beziehung, die Gott zum Maria eingegangen ist, dauerhaften und bleibenden Charakter haben. Das Fest der unbefleckten Empfängnis will deutlich machen: Gott hat diese Frau von Anfang an erwählt, sie als Gegenüber angenommen. Er lässt nichts Trennendes zwischen ihm und dieser Menschentochter gelten. - Sünde ist das, was die Menschen von Gott und voneinander trennt. Erbsünde ist das, was von Anfang an trennt. Mit dem Begriff Erbsünde bezeichnet die Theologie den vom Menschen her unüberbrückbaren Abstand des Menschen zu Gott. Von diesem Abstand ist nicht einmal ein unschuldiges Neugeborenes ausgenommen.
Darin liegt viel Provokantes für Menschenohren. Die Beziehung Gottes zu Maria stellt eine Reihe von Mustern, wie Männer und Frauen sich selbst verstehen und ihre Beziehungen gestalten, in Frage: den Macho, den Patriarchen, die Powerfrau, Wegwerfbeziehungen, Lebensabschnittspartnerschaften, aber auch eine bürgerliche Familienideologie, in der es hauptsächlich um den Nachwuchs und den Erhalt der Familie geht. Die Beziehung Gottes zu Maria lässt sich nicht in unsere gängigen menschlichen Vorstellungen von Beziehung einordnen und auch nicht als erhobener moralischer Zeigefinger ausschlachten. Sie ist einzigartig, sprengt jedes Klischee.
Was bringt uns dann dieses Fest, wenn es um eine so außergewöhnliche Beziehung geht? Es zeigt jedoch, wie Gott mit dem Menschen umgeht, wie Gott Beziehung zu uns Menschen gestalten will. In der Erwählung Marias zeigt sich, was Gnade, was Zuwendung Gottes zum Menschen bedeutet: Eine ewige Verbindung vor und nach dem Leben auf Erden.