Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Gläubige!
Wir Christen leben in einer Gemeinschaft. Wir haben unseren Glauben immer von anderen empfangen: Zuerst hat Jesus den Willen des Vaters verkündet, dann haben die Apostel den Glauben an Gott und Jesus verbreitet, schließlich haben auch wir unseren Glauben von den Eltern, den Religionslehrern, den Geistlichen empfangen. Aber wie geht es weiter? Heute scheint diese Kette irgendwie unterbrochen zu sein. Es wird immer schwieriger den Glauben weiterzugeben an die Kinder, an die Umwelt. Eltern, denen der Glaube wichtig ist und auch schon Halt und Erfüllung im Leben geben hat, können davon ein Lied singen. Was ist also zu tun? Den Glauben praktisch vorleben, das ist meist die stereotypische Antwort. Aber nützt das noch? In unserer übersättigten Welt wird man da doch nur noch belächelt: Es geht doch auch ohne Glaube und Gott sehr gut! Zählen heute andere Werte als früher? Die Kirche ist heute eben im Umbruch, sagen manche. Die traditionelle Volkskirche hört langsam auf zu bestehen und wandelt sich zu einer zahlenmäßig kleineren bekennenden Kirche. Christen, die so denken, haben viele Menschen, die heute zwar noch zur Kirche gehörten, aber ihren Glauben nicht mehr praktizieren, bereits aufgegeben. Sie schließen sich in kleinen Gruppen, dem sogenannten heiligen Rest zusammen, und halten die Welt und alle die weltlich leben für böse. Diese kleine Gruppe gibt sicherlich Sicherheit und Geborgenheit, aber wollte das Jesus so? Es mag schon sein, dass wir Christen schön langsam zu einer Minderheit werden, aber das heißt nicht, dass wir uns von der Welt abkapseln und in eine religiöse Nische zurückziehen sollen, in der nur die Glaubensleistung und der religiöse Gehorsam zählen. Die katholische Kirche versucht nun seit einigen Jahren eine andere Strategie: Sie will die Christen durch verschiedenste Großereignisse sammeln, und ihnen durch dieses Gemeinschaftserlebnis Mut geben. Unser früherer Papst Johannes Paul hat damit durch die Weltjugendtreffen und verschiedene Pastoralreisen angefangen, und Papst Franziskus macht in diesem Sinne weiter. So hofft die Kirche, dass der Glaube in einer säkularen Welt wieder mehr Biss bekommt, und als fröhliche und befreiende Kraft von möglichst vielen erfahren wird. Glaubensverbreitung durch eine positive Glaubenserfahrung das scheint die Devise zu sein. Und es scheint in der Tat aufzugehen: Im Fernsehen sind viele junge begeisterte Christen zu sehen, deren Freude durchaus ansteckend ist. Der Glaube wird in unserer Gesellschaft überhaupt wieder sichtbar, ohne dass verschiedene Richtungsstreitereien, oder langweiligen Diskussionen über Lehre und Moral, im Vordergrund stehen. Also wendet sich alles zum Guten? Ohne jetzt etwas mies zu machen, bleibt es abzuwarten, wie belastbar die augenblickliche Glaubensbegeisterung im Alltag ist. Auch müssen wir uns die Frage gefallen lassen, ob nicht alles nur eine augenblickliche Massenhysterie und ein unangemessener Fankult rund um den Papst ist.
Im heutigen Evangelium geht es auch um Glaubensweitergabe. Aber Jesus geht einen anderen Weg, als die Kirche heute. Es setzt auf die Radikalität der Christen. Radikal in dem Sinne, dass sie sich von der Masse der Bevölkerung unterscheiden. Für viele damals wie heute stand Besitz, Konsum und Ansehen als Lebensziel an erster Stelle: Bei Jesu Jüngern soll es nicht so sein. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“ So sollen Gottvertrauen und Dienst am Nächsten an die erste Stelle treten, und nicht menschliches Planen und schlaue Strategien. Es geht beim Christentum nicht darum, kluge Allianzen zu schließen mit der Macht oder der Wirtschaft, so wird das Wort Gottes nur um seine Kraft gebracht! Es wird zum Machtmittel oder zum Wirtschaftsfaktor. Jesus will vielmehr eine Gegengesellschaft mit seinen Jüngern aufbauen, einen anderen Lebensentwurf in die Welt setzten, der sich nicht um die Werte dieser Welt dreht. Damals bei den Jüngern scheint es funktioniert zu haben. Alle kamen begeistert zu Jesus zurück, und die Kirche hat sich rasend schnell über die ganze Welt ausgebreitet, trotz Verfolgung und jedweder Behinderung. Vielleicht sind die Christen heute nur zu sehr angepasst? Vielleicht unterscheiden sie sich zu wenig von den Nichtchristen im Denken und Handeln? Vielleicht sollten auch wir uns ändern?