Predigt zum Palmsonntag

Liebe Gläubige!
Für viele Menschen ist der Palmsonntag etwas ganz besonderes. Das ist fast der einzige Tag im Kirchenjahr, wo wir im Gottesdienst etwas zum Mitnehmen bekommen: den Palmbesen. Er erinnert uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Die Menschen damals haben nämlich von den Palmen am Wegrand Zweige abgerissen, um Jesus damit vor der Sonne zu schützen. Es war also ein Zeichen der Ehrbekundung und der Bereitschaft der Menschen, Jesus als König zu dienen. Weil in unseren Breiten keine Palmen wachsen, so müssen wir uns mit den Palmkätzchen begnügen. Sie werden genommen, weil sie die ersten größeren Pflanzen sind, die schon austreiben. So sind die Palmkätzchen, noch mehr als die Palmen, auch ein Zeichen des Lebens. Nach dem Winter entsteht neues Leben. Wir dürfen das auch auf das Leben von Jesus übertragen. Er ist in Jerusalem, dem Ort seines Leidens angekommen. Für Jesus beginnt jetzt im übertragenen Sinne der Winter seines Lebens. Für ihn beginnt die Leidenszeit. Die scheinbare Fröhlichkeit dieses Festes soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Kreuzweg und Tod bevorsteht. Aber die Palmkätzchen weisen uns schon auf das neue Leben hin, auf das Leben nach dem Tod. So werden sie zu einem Stück Auferstehung, schon zu Beginn des Leidens. Es passt auch ganz gut, dass wir die Palmbesen auf das Kreuz stecken. Wir erinnern uns so daran, dass das Leiden und der Schmerz, die im Kreuz symbolisiert werden, nicht das Ende sind.
Was mich aber am Palmsonntag immer am meisten bewegt, das sind die Menschen. Sie sind ganz begeistert von Jesus, sie wollen ihn zum König machen. Aber es sind die gleichen Menschen, die am Karfreitag rufen: Kreuzige ihn! Wie passt das zusammen? Der beste Erklärungsversuch meiner Meinung nach ist, dass Jesus die Erwartungen, die er mit seinem Einzug geweckt hat, nicht erfüllen konnte oder wollte. Die Menschen haben sich verschaukelt gefühlt und wollten es diesem Jesus jetzt heimzahlen, weil er nicht so getan hat, wie sie es dachten. Die Zeichen die Jesus durch seinen Einzug gesetzt hat, waren ja eindeutig! Er ist auf einen Esel in die Hauptstadt Jerusalem eingeritten. Die Menschen müssen sich da an das Wort des Propheten Sacharja erinnert haben: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ Wenn Jesus mit einem Esel in die Stadt geritten ist, dann hat er ganz bewusst diese Prophezeiung erfüllt. Das haben damals die Menschen auch bemerkt. Darum haben sie gedacht, ihr neuer König zieht ein, so wie es Sachaja vorhergesagt hat. Es ist ein König der nicht großartig mit einem prächtigen Pferd, oder mit einem goldenen Wagen kommt, sondern ein König der sich mit den Armen und kleinen Leuten solidarisiert. Es ist ein König der sich um die Benachteiligten im Land kümmert und nicht von oben herab regiert. So breiteten sich durch den Eselritt Jesu schnell verschiedene Vorstellungen von einer neuen Freiheit, von Revolution und Gerechtigkeit aus. Aber Jesus hat seinen Zeitgenossen schnell klar gemacht, dass ihm nichts an einer weltlichen Herrschaft liegt. Auch er will sich mit den Armen und Leidenden solidarisieren, aber im Mitleiden, nicht im Herrschen. Die Enttäuschung der Menge muss daher groß gewesen sein. Vielleicht hat sie sogar in den Kreis der 12 Apostel gereicht, und den Judas veranlasst, Jesus zu verraten. So ist der Palmsonntag der Beginn der Leidenszeit. Wir müssen uns heute fragen: Wo verraten wir Jesus und seine Botschaft? Wo sind unsere falschen Vorstellungen und Erwartungen ein Hindernis für unseren Glauben? Auf welcher Seite stehen wir – auf der Seite Jesu und des Mitleidens oder auf der Seite der Masse, die sich gerne mit Siegern solidarisiert?